13 Gedichte. 13 Kompositionen
Musik: Gert Wilden jr. (Klavier, Keyboard, Live Electronics)
Sprecher: Alexander Netschajew.
© Atrium Verlag AG, Zürich, 2025
Erstveröffentlichung 1955

»Drum schaff dich selbst! Aus unerhörten Tönen!
Aus Farben, die kein Regenbogen zeigt!«
Was Alexander Netschajew und Gert Wilden aus Erich Kästners visionären dreizehn Monaten machen, ist nichts anderes als ein einzigartiges Gesamtkunstwerk.
Ich glaubte, den Text zu kennen, aber Alexander Netschajew gelingt es, jedes Wort neu zu entdecken, Bezüge der einzelnen Gedichte untereinander herzustellen und alles bis in die tiefsten
Schichten mitzuerleben. Staunend hören wir, was Kästner 1955 als ein Großstädter für Großstädter geschrieben hat, ein von der Natur und ihren Rhythmen entwurzelter Mensch, alle Segnungen und
Ablenkungen des zivilisierten Lebens genießend und bezweifelnd. Während er schrieb, entdeckte er die der Moderne manchmal verborgenen Zyklen, die alten Rituale, und ihm gelingt ein Blick nach
ganz innen.
Gert Wildens Musik geht mit dem Text einen vielschichten Dialog ein, mal unterstreichen seine bis ins Groteske reichenden Klangkollagen die heiter-ironische Großstadt-Absurdität, man hört
Kinderkreischen, Badeanstalt-Getuschel, aber auch idyllische Sommerausflugs-Landeinsamkeit mit Kuhglocken. Augenzwinkernd, zärtlich und ernst ist seine Komposition. Von schmerzlich schrillen und
lauten Getösen bis hin zu traumhaften, zeitvergessenen Kantilenen beschwört Wilden flirrend, mystisch, farbenreich den abwechslungsreichen Reigen der Jahreszeiten.
Das Zusammenspiel von Netschajew und Wilden lässt vor allem viel Raum für eigene Gedanken und Empfindungen. Die Bilder und Klänge gehen in der Fantasie der Zuhörer weiter. Nie sind Texte
und Musik belehrend, bevormundend, besserwisserisch, sondern sie versetzen uns, die Zuhörenden, in eine Stimmung des gedanklichen Spazierengehens, und bei diesem Spaziergang entdecken wir manch
Altbekanntes, was wir aber so noch nicht gehört haben, aber auch Neues, Unerhörtes, Lyrisches. Vor allem aber, und das würde Erich Kästner sehr gefallen, habe ich die meisten Menschen im
Zuschauerraum lächeln gesehen.
Joern Hinkel, Intendant der Bad Hersfelder Festspiele 2018-2025
Filmkomponist Gert Wilden ließ sich von Kästners Zeilen inspirieren und begegnet dem Dichter auf ganz eigene Weise: Es entstanden dreizehn Kompositionen für Klavier und/oder umfangreiches elektronisches Instrumentarium. Teils durchdringen und überlagern sich Gedichte und Musik, teils stehen sie als in sich geschlossene Stücke nebeneinander. Mitunter nimmt die Musik auch eine durchaus unerwartete Haltung ein, ob minimalistisch oder opulent, ob abstrakt oder poetisch, oder in Form von Soundcollagen. Alexander Netschajew spricht einfühlsam und pointiert Monat für Monat, die Kästner 1955 veröffentlichte. Es war sein letzter Gedichtband.
Fotos: Kerstin Jana Kater
Kästner – geboren 1899, politischer Mahner mit spitzer Feder, Kinderbuchautor und Romancier – wirkt in seiner Lyrik frisch und kaum gealtert. Ja, auch in seinem letzten Gedichtband »Die 13 Monate« begegnen wir dem leichten, unterhaltsamen Kästner, seiner typischen melancholischen Heiterkeit. Doch aus heutiger Perspektive wirkt manches wie ein Fanal. So reflektiert er die Entfremdung des Menschen von der Natur, von den ihr immanenten Kreisläufen, schon fast 20 Jahre bevor der Club of Rome die Schrift »Grenzen des Wachstums« veröffentlichte: »Die zweite Austreibung aus dem Paradies hat stattgefunden und Adam und Eva haben es diesmal nicht bemerkt, sie leben auf der Erde, als lebten sie darunter.« Hier erscheint Kästner wie ein ökologischer Prophet der ersten Stunde.
Kästner war ein gesellschaftskritischer Schriftsteller, dessen Werke die Nazis verbrannt hatten. Seinen »Fabian« oder gar sein Gedicht »Die andere Möglichkeit« hatten sie ihm nie
verziehen: »Wenn wir den Krieg gewonnen hätten / Mit Wogenprall und Sturmgebraus / Dann wäre Deutschland nicht zu retten / Und gliche einem Irrenhaus.« Dennoch wurde er für sein Verhalten während
der Nazizeit – Kästner überdauerte das »Tausendjährige Reich« in der »inneren Emigration« – von manchen Zeitgenossen scharf kritisiert und das macht ihn gerade für uns – heute – zu einer
relevanten, vielleicht sogar lehrreichen Figur.
Gert Wilden und Alexander Netschajew


»Alexander Netschajew und Gert Wilden zaubern aus Erich Kästners Klassiker etwas ganz Einzigartiges: Während Netschajew den Gedichtzyklus derart verinnerlicht hat, dass er ihn interpretiert als hätte er ihn selbst gerade erdacht, spielt und improvisiert Wilden dazu seine Melodien und Tonschöpfungen so kongenial, dass man die Monate und ihre Stimmungen bildlich vor Augen sieht. Text und Musik verweben sich zu etwas großem Ganzen, das das Publikum fasziniert zurücklässt. Ein fantastischer Abend!«
Felix Mauser, Kulturmanager und Veranstalter, Köln
»Vielen Dank für den wundervollen, inspirierenden Abend! Das ist nichts Geringeres als eine Neuentdeckung von Kästners lyrischer Reise durch das Jahr!«
Florian Stiehler, Verwaltungsdirektor des Gewandhauses zu Leipzig
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