»Ein Dramaturg, der nicht das Räderwerk der Zeit auf das Allerschärfste beobach­tet und sein Urteil an allen wichtigeren politischen und sozialen Fragen fortwäh­rend übt, wird auch in Literaturfragen einseitig-zünftig und vermag ein Theater gänzlich rückständig zu machen.« Julius von Werther, Geheimer Hofrat und Königlicher Hoftheater-Intendant zu Stuttgart

 

 

Ich glaube an packendes, lustbetontes Theater, das die Menschen in seinen Bann zieht und »mitnimmt«. Ein Theater, das unbeschwert leicht sein kann, aber auch manchmal Fragen stellt. Fragen, die noch lange nachwirken, wenn der Vorhang gefallen ist. Wenn mir etwas missfällt, ist das Beliebigkeit, unverständliches Irgendwie. Ich misstraue den einfachen Antworten, ich halte nichts von vorgefertigten Schablonen.

 

Ich liebe es, genau hinzusehen und Stellung zu beziehen. Ich interessiere mich für Menschen und die Zusammenhänge, in denen sie leben. Ich glaube nicht an die Katalogisierung: für mich sind Klassiker genauso unterhaltend wie Volkstheaterstücke, Boulevardkomödien genauso anspruchsvoll wie kritische Zeitdramen. Ich möchte durch den Dreiklang Spaß / Emotion / Irritation in einen echten Dialog mit den Theaterbesuchern kommen.

 

Der immerwährenden Frage nach der Aufarbeitung deutscher Vergangenheit fühle ich mich als politisch mündiger Bürger, aber auch aus familiären Gründen verpflichtet: Mein Großvater Erich Claudius war 1940 als »Referent für Kultur und Theater in Warschau« ins besetzte Polen berufen worden, mein Vater war Angehöriger der sog. »Wlassow-Armee«. Besonders Jugendliche lebendig und unorthodox an das Thema »Drittes Reich« heranzuführen, heißt für einen in der Öffentlichkeit agierenden Kulturschaffenden, sich der Geschichte gegenüber verantwortungsvoll zu stellen. Die Auswahl an Bühnenwerken ist hier ausnehmend reichhaltig und weist – wie bei allen qualitativ hochwertigen Texten – über bloße Beschau von Historie hinaus. Die Frage „Wo hört das menschlich Nachvollziehbare auf und wo fängt das nicht mehr Entschuldbare an?“ ist auch und gerade in unserer heutigen Gesellschaft allgegenwärtig.

 

»Wo Kultur wegbricht, wird Platz frei für Gewalt« sagte einst August Everding. Im Umkehrschluss heißt dies für mich: Kultur schafft Frieden. Kultur ist also sinnstiftender Aufbau, produktives Gegenstück zur destruktiven Gewalt. Ein Theater ist ein kontemplativer Ort, in dem sich Bürger kultiviert begegnen. Ich möchte mit meiner Arbeit am Theater Brücken bauen, die Türen öffnen zu einem Platz für alle: Steuerzahler, Arbeitslose, Einheimische, Ausländer, Alte, Junge, ganz Junge, Familien, Pärchen, Einzelgänger, Hungrige und Satte, Christen, Juden und Muslime, Intellektuelle und Bodenständige, Gläubige und Atheisten. Ich möchte mit Lust und Laune Neugierde wecken und mit meiner Arbeit dazu verführen, die Schwelle zum Foyer zu überschreiten. Ein ausverkauftes Theater ist für jeden eine Lust: den Stadtkämmerer, den Intendanten, die Darsteller und besonders für den Zuschauer!

 

Ein Theater zu leiten bedeutet für mich, ständig zu flirten mit den Bürgern, mich zu verbünden mit den Förderern, zu werben für die Wunder, die „meine“ Bühne zu bieten hat: Geschichten. Gut erzählte, aufregende, rührende, unglaubliche, verrückte, wahnsinnige oder wahnsinnig komische Geschichten. Die beste Werbung fürs Theater ist, wenn ich Zuschauer sehe, die sich nach Ende einer Vorstellung mit leuchtenden Augen und einem Lächeln auf den Heimweg machen.